Mein Minimalismus – Innen, Außen und die Anderen.

 

Mehr Zeit - für einen Besuch im Kinderzoo

Mehr Zeit – zum Beispiel für einen Besuch im Kinderzoo

Ich stamme aus einer Familie von Hortern. Für jede Lebenslage wird vorgesorgt. Mein Elternhaus ist bis unter das Dach voll mit Zeug. Lebensmittel, Klamotten, Möbel, Bücher, Handwerkszeug – es gibt sogar Gasmasken. Das ist erstickend, und total nervig. Das Haus an sich ist schön, man sieht nur kaum noch etwas davon. Nur noch wenige Zimmer sind gemütlich, manche sind schlicht unbewohnbar. Die Angst vor der Katastrophe, der großen Inflation, irgendwas Schlimmem auf jeden Fall, bestimmt das Leben. Dazu kommen Streit, Negativität und zu viel Arbeit.

Hamstergene und Ordnungsliebe
Das Hamstergen habe ich geerbt und dem Drang, gerüstet zu sein zu widerstehen, ist im Kleinen und Alltäglichen oft ein Kampf für mich. Ich brauche keine PrestigeGegenstände, doch mich nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag mit Dosentomaten einzudecken ist eine echte Herausforderung. Dazu kommt, dass ich es von Natur aus schwer finde, einen Platz für Dinge zu haben und sie dorthin wieder zurückzustellen, wenn ich sie benutzt habe. Je mehr Zeug, desto stärker ist dieser Wesenszug ein Problem. Ich finde es aber toll, wenn es ordentlich ist, und nichts rumliegt. Auch viele der negativen Glaubenssätze habe ich verinnerlicht. Sie lasten bisweilen schwer auf der Seele.

Irgendwo her habe ich auch die feste Überzeugung, dass das Leben für all diesen Ballast zu kurz ist. Deswegen will ich ein einfacheres Leben leben.

Äußere Ordnung, innere Ruhe und gesellschaftliche Verantwortung
Mein Minimalismus ist der Versuch, im Äußeren wie im Inneren mehr Ruhe zu schaffen und Anderen gegenüber (anderen Menschen und der Umwelt) verantwortungsbewusster zu handeln. Das Leben ist chaotisch genug. Ich will mehr Ruhe. Mein Leben vereinfachen, weil ich weniger Zeit mit Aufräumen und Organisieren, Grübeln und ziellosem Internet sufen verplempern will, um mehr Zeit für “das Wesentliche” zu haben (und um heraus zu finden, was “das Wesentliche” eigentlich genau ist). Mit Kind ist mir das noch wichtiger geworden, weil so viele neue Dinge in unser Heim kamen und weil die kindliche Neugierde dazu führt, dass Dinge nicht an ihrem Platz bleiben, so sehr ich mich auch bemühen. Die Geburt von Miss Bee rückte auch Umweltbelange und soziale Aspekte noch einmal anders in Bewusstsein.

Außen
In der physischen Welt bin ich derzeit etwa so minimalisiert wie ich möchte. Ich entrümpele weiter, wenn ich Lust habe oder ersetze Dinge, wenn sich meine Bedürfnisse ändern. Es gibt nur noch wenig „auszumisten“, zumal wir derzeit in einer möblierten Wohnung leben. Es geht jetzt vor allem darum, zu entscheiden, was ich an Gegenständen reinlasse. Kaufentscheidungen bewusst zu treffen, im Hinblick auf andere (Menschen/Tiere/Ressourcen). Und mit dem Hamstergen umzugehen, also generell darauf zu vertrauen, dass es morgen auch noch etwas gibt, wenn ich es dann brauche.

Innen
Was meine Handlungen betrifft und meine Gedankenmuster angeht gibt es hingegen mehr zu tun. Ich möchte weiter negative Glaubenssätze loslassen, die Maßstäbe anderer, und SelbstBewusster werden. Das gilt auch für meinen Weg zum einfacheren Leben. Ich will mich von Anderen inspirieren lassen, aber auch abgrenzen von dem, was mir zu weit führt. Ich hadere mit dem Label „MinimalistIn“, weil ich mich nicht an bestimmten Kriterien messen lassen möchte (Stichwort: 100 Dinge), die bestimmen, ob ich „gut genug“ vereinfacht habe, um dazu zu gehören.
Meine größte Baustelle ist derzeit mein InternetKonsum, den ich gerne einschränken möchte. Ich hoffe, dadurch den Fokus zu finden, nach dem ich suche.

Die Anderen
Die Umwelt zu schützen war mir immer schon wichtig. Darüber rede ich auch ständig beruflich. Doch die Berge von Wegwerfwindeln nach der Geburt meiner Tochter und die Tatsache, dass sich eine Vielfliegerkarte richtig lohnt, zeigten mir auch, dass es an der Zeit ist, ein Lippenbekenntnis in Taten umzusetzen. Ich glaube, dass mit unserer Möglichkeit, unseren Lebensstil zu wählen, auch Verantwortung kommt,gegenüber der Umwelt, anderen Lebewesen, anderen Menschen. Das wirklich zu leben finde ich Z.T. noch sehr schwer.

Wie ich ein einfaches Leben lebe
Ich nutze meine Lebenszeit und lebe im Augenblick. Ich widme den Dingen, die mir wichtig sind, mehr Zeit. Ich mache Ausflüge mit meiner Familie, pflege Freundschaften, lese und lerne und achte auf meine Gesundheit. Ich bereite Essen aus frischen Zutaten zu, bewege mich regelmäßige und finde Zeit für Mini-Meditationen und Achtsamkeitsübungen. Natürlich ist all das ein „work in progress“ aber ich gehe den richtigen Weg. Einfacher leben heißt für mich liebevoller leben – achtsamer, glücklicher, gelassener, und mitfühlender.

Vielen Dank an Daniel für die Aufforderung, den eigenen Minimalismus zu beschreiben, auf seinem Blog, Die Entdeckung der Schlichtheit. Mehr über seinen Minimalismus sowie Links zu Anderen gibt es hier. Wie sieht Euer einfaches Leben aus? Teilt Links und Gedanken in den Kommentaren.

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8 Gedanken zu „Mein Minimalismus – Innen, Außen und die Anderen.

  1. Fräulein Rucksack

    Dieses Gefühl des Erstickens im fremden Hause hatte ich erst kürzlich erlebt und bin froh dass es mir da nicht alleine so geht. Das Haus ist übervoll mit altem Zeug. Ich brauchte einige Zeit bis ich merkte, dass mich nicht nur die vollen Zimmer, Regale, Schränke be.lasten (wir waren vier Wochen Gast), sondern auch die Haltung die dahintersteckt. Die DInge werden aufbewahrt für die Übernächste Generation. D.h. es werden Kinder von den Kindern erwartet. Und dass die dann auch die Sachen benutzen (wollen). So zog ich unserem Mädchen einen Synthetik Schlafanzug an. Weil er dafür dreißig Jahre aufbewahrt wurde. Ich brauchte eine Weile bis mir das alle einleuchtete. Und ich den Schlafanzug u.a. wieder in die Kiste steckte. Entsorgen darf ich leider nicht.

    Wie entlarvst Du Dich denn der negativen Glaubenssätze? Manches ist ja so tief verankert, dass man es ersteinmal in sich finden muss!?

    Liebe Gruß!

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  2. Pingback: Mein Minimalismus | Fundstücke aus dem Internet

  3. widerstandistzweckmaessig

    Ich glaube, dass das Horten der Eltern/Großeltern noch ein Überbleibsel des Traumas des 2. Weltkrieges ist. Da war es eine Frage des Überlebens, ob noch irgendwo etwas zu tauschen da war. Davon erholt man sich nicht so leicht! Und dieses Trauma wird auch auf die Generation danach weitergegeben. Es ist ein weiter Weg sich aus dem Muster zu lösen. Aber wenn man bewusst daran arbeitet, dann kann man es verändern.

    Vor 2 Jahren hatte ich noch Vorräte um wochenlang davon zu lesen. Heute stehen kaum 2 Päckchen Nudeln herum, weil das auch nicht nötig ist.

    Zu erkennen, dass sich verändernde Lebenssituation die ganze Vorratshaltung auf den Kopf stellen, war für mich sehr heilsam.

    lg
    Maria

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    1. Nanne

      Liebe Maria,

      ich finde du hast sehr Recht und hinzu kommt noch, dass viele geflohen sind und alles zurücklassen mussten. Meine Oma hat ihr Zuhause, ihre ganzen Sachen und fast ihre komplette Familie im Krieg verloren. Aber gerade bei der Generation habe ich das „horten“ nicht so erlebt. Da wurde qualitativ gut gekauft und dass jahrzehntelang benutzt. Die Generation danach, so meine Erfahrung, kauft viel mehr und behält alles.

      Mir geht das ähnlich. Bei Familie und Freunden ist mir mittlerweile meist alles zu voll und je nachdem wie viel es ist, fehlt mir ein wenig die Luft zum Atmen.
      Liebe Grüße
      Nanne

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      1. widerstandistzweckmaessig

        Hallo Nanne!

        Ja, das war bei meinen Großeltern auch so, sie mussten auch flüchten etc.

        Mein Vater war damals ein kleines Kind und wurde schwer traumatisiert. Das prägt ein Leben lang und das wurde in einer gewissen Weise auch auf mich übertragen.

        Ich glaube, das Horten kam erst nach der Aufbaugeneration. Der Beginn aber steckt darin.

        lg
        Maria

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  4. texterinmitbiss

    Hallo Dina,

    ich werde dich wohl immer mit Dosentomaten in Verbindung bringen. Weil das dein erster Text war, den ich von dir gelesen hab. 4 Dosen. Auf so eine Idee kam ich noch nie. Das Schöne ist: wenn ich keine Tomaten da hab für die Soße, komm ich auf ganz andere Ideen. Das finde ich das Tolle am Minimalismus. Mit Kleinkind hatte ich auch noch eine ganz andere Vorratshaltung. Selbst als es von diesem Essen ja noch gar nix essen konnte. Irgendwie hätte ich mich sonst nicht komplett gefühlt. Heute fühl ich mich mit sehr wenig Vorräten sicher in der Welt. Ich klemme mir einfach 5 Sachen unter den Arm fürs Wochenende. Treffe meine Freundin mit 2 Kleinkindern und 2 vollen Einkaufstaschen. Ich fühle mich herrlich frei und bin froh, dass meine Tochter schon 16 ist. Gestern tauschten wir Zeit gegen Zeit. Ich schrieb ihre Bewerbung und sie ging für mich einkaufen. Ich finde gut, wie du alles für dich hinterfragst und ergründest und neue Systeme findest.

    Liebe Grüße
    Tanja

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  5. Die Rote IRis

    In deinem Text konnte ich mich teilweise gut wiederfinden.
    Das Problem mit dem vererbten Hamstergen und dem keine-ordnung-halten-können habe ich auch.
    Meine Hamster-Lösung ist es dem Hamster auch mal ein bischen freilauf in der natur zu geben.
    Kastanien im herbst, Schneckenhäuser, Muscheln … da kann und will ich nicht dran vorbeigehen. Kann ich dann auch nach ein paar Monaten problemlos wieder weggeben.
    🙂

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  6. Sandra

    Hallo,
    ich bin gerade über deinen Blog gestolpert, und da ich es toll finde über was du so schreibst, habe ich dich gleich mal in meine Blogroll aufgenommen.
    Ich bin auch am Entrümpeln und Ausmisten, nicht nur die Wohnung, die Schränke und meine Vorräte, sondern auch mein Inneres und meine Vergangenheit. All diese Dinge, die sich angesammelt haben, die bremsen einen, sie belasten und halten dich zurück. Sie binden dich an einen Ort, machen dich unflexibel. Das habe ich erkannt, und ich arbeite daran unnötigen Ballast loszuwerden. Geholfen haben mir dabei zwei Umzüge, denn ich musste alles in die Hand nehmen und habe mich gefragt ob ich das überhaupt noch mal mitschleppen will. Auch zur Zeit liegt noch Vieles in Umzugskartons, da mir noch ein Regal fehlt, um Dinge unterzubringen.
    Ich habe nicht vor komplett ohne alles zu leben. Ich möchte gerne einige Bücher behalten, die ich immer wieder lesen kann, ohne daß sie langweilig werden, und natürlich auch einige DVDs (einen Fernsehanschluß habe ich schon lange nicht mehr, aber ich vermisse auch nichts). Einige wenige Dekorationsgegenstände dürfen bleiben, aber sie sind auch etwas Besonderes, da es zu jedem eine Geschichte gibt.
    Auch bei Kleidung bin ich am Aussortieren, da ich einfach zu viel habe daß ich nicht mehr tragen will oder kann.
    Auf jeden Fall wirst du eine weitere Leserin haben 🙂

    Liebe Grüße,
    Sandra

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