Achtsamkeit mit Kindern

beautiful moments

So hatte ich mir das ElternSein vorgestellt – Vertieftes Spiel im Sonnenschein.

Als Eltern geraten wir oft in die Fänge unseres Affengeistes (engl. monkey mind). Das konnte ich mir vor der Geburt meiner Tochter nicht vorstellen. In meiner Vorstellung würden wir bis an das Ende unserer Tage harmonisch zusammen leben (oder zumindest bis sie auszieht). Wir würden zusammen spazieren gehen, essen, basteln und ich würde enthusiastisch Duplotürmchen bauen. Tobsuchtsanfälle kamen in meiner Vorstellung einmal die Woche im Supermarkt vor und nur bei solchen Eltern, deren Kinder Schokolade und solches Junkfood zu essen bekamen.

Wahrscheinlich überrascht es Euch jetzt nicht zu lesen, dass ich vor der Geburt meiner Tochter noch nie eine Windel gewechselt hatte. Ich hatte keine blassen Schimmer, was auf mich zukommt. Wusste nicht, dass Babys schreien, auch wenn man alles richtig macht. Dass Wutanfälle zum Kleinkindalter dazu gehören, nicht nur vor dem Süßigkeitenregal an der Kasse, sondern zu jeder Gelegenheit, bis zu sechs Mal täglich, und das ist erst vor dem Frühstück.
Nach der Geburt meiner Tochter steckte ich, wie ich das bei neuen Themen so tue, meine Nase in Bücher, abonnierte zahlreiche Blogs und recherchierte alles Mögliche im Internet („blaue Ader zwischen den Augenbrauen stark sichtbar“ zum Beispiel) hoffte darauf, dass meine Tochter früh sprechen lernt, im Alter von 3 Monaten wäre ideal gewesen.

Doch ein Kind funktioniert anders als ein neues Projekt. Keinen Menschen auf der Welt liebe ich mehr als meine Tochter – und kein anderer Mensch kann mich so zur Weißglut treiben. Auch wenn ich weis, dass sie dabei sehr viel über Konsistenzen lernt, verstehe ich nicht, warum sie heute schon wieder Sonnencreme in die Computertastatur schmieren muss, nachdem ich ihr gestern sagte, dass beides kein Spielzeug ist.

Ich habe nicht nur unterschätzt, wie aufreibend unterbrochener Schlaf ist und wie körperlich anstrengend Stillen, Tragen und Festhalten ist, sondern auch, welche mentalen Herausforderung das Leben mit einem Kleinkind mit sich bringt. In einem Vortrag, den ich neulich zum Thema Achtsamkeit mit Kindern hörte, sprach Rebekkah LaDyne von drei 3 „mind traps“ also Fallen für unseren Verstand. Das Sinnbild einer Falle soll zeigen, dass es leicht ist, in sie hinein zu geraten, aber schwer ist, wieder herauszukommen.

Die drei Fallen sind:

  1. Der innere Kritiker: Wir wollen alle nur das Beste für unser Kind (auch, wenn das sehr unterschiedlich aussieht). Wir teilen Liebe mit unseren Kinder, setzen Grenzen, trösten, und leiten. Unsere Maßstäbe an uns selbst sind hoch – oft können wir ihnen nicht gerecht werden. Wir kritisieren uns harsch, wenn es uns nicht gelingt unseren eigenen Erwartungen gerecht zu werden – wenn wir schreien statt zum 15 geduldig zu erklären, dass die Sonnencreme nicht zum Spielen da ist (ein fiktives Beispiel versteht sich…).
  2. Katastrophengedanken: Unser Geist malt sich schnell Katastrophenszenarien aus. Ein falsches Wort zu unserem Kind, oder der wertende Blick, den uns eine andere Mutter auf dem Spielplatz zu wirft. In unserem Kopf machen wir aus kleinen Dingen eine Katastrophe. Wir glauben, eine bestimmte Situation wird immer so bleiben. Wenn sich das Kleinkind im Supermarkt auf den Boden wirft, glauben wir, dass alle Augen im Supermarkt  auf uns gerichtet sind, und daran, dass wir nie wieder Lebensmittel einkaufen gehen können.
  3. Der negative Bias: unser Verstand tendiert dazu, nach dem zu suchen, was gefährlich ist oder schief gelaufen (’stinking thinking‘). Das ist Teil unseres evolutionären Programms.  Unser Kopf ist auch besser darin, schwierige Momente mit unserem Kind abzuspeichern – das Drama im Supermarkt, das Chaos im Wohnzimmer. Süße Momente bemerken wir oft nicht richtig. Wir sind mit unseren Gedanken woanders, wenn unsere Tochter uns ein Bild zeigt, oder wenn uns der Sohn eine kleine Geschichte erzählt.

Wir alle geraten ständig und schnell in einer dieser Fallen. Doch diese Denkweisen sind im Umgang mit unseren Kindern nicht hilfreich, auch wenn unserer Verstand uns dies glauben machen will. Diese inneren Stimmen sind nicht hilfreich, weil sie destruktiv sind. Sie sagen: „Du bist so eine schlechte Mutter. Ich bin mir sicher, andere Eltern die Du kennst würden ihr Kind nie so behandelt, blablabla.“ Aber sie helfen uns nicht dabei, unser Verhalten zu verändern.
Hilfreiche Stimmen klingen eher so: „Oh, ich habe überreagiert. Ich werde tief Luft holen und es etwas langsamer angehen.“ Oder: „Ich fühle mich ziemlich angespannt.“ Diese Stimmen führen uns zu Selbsterkenntnis und Selbstbewusstheit. Diese Stimmen erkennen an, dass wir eine gute Intention haben, doch dass es uns in diesem Moment nicht möglich war, diese in die Tat um zusetzten.

Aufgrund des schönen Wetters höre ich an dieser Stelle auf – und schreibe in der nächsten Woche etwas zu den Wegen, wie wir mehr Achtsamkeit im Umgang mit unseren Kindern kultivieren können. In der Zwischenzeit verratet mir in den Kommentaren, ob Ihr die Stimmen in Eurem Kopf bemerkt und in welche Falle Ihr am Ehesten tappt. Und lest Fräulein im Glücks Blogpost zur Achtsamkeit mit Kindern.

Achtsamkeit im Juni
Fräulein im Glück und Sonja von wertvoll-Blog schreiben an jedem Freitag im Juni über Achtsamkeit und laden uns ein mitzumachen. Falls Ihr auch über Achtsamkeit schreiben wollt, lest mehr über die Idee beim Fräulein.

 

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4 Gedanken zu „Achtsamkeit mit Kindern

  1. Anne

    Bin gerade über deinen Blog gestolpert und hängen geblieben. Die 3 Fallen sind gut zusammengefasst, ich kenne sie alle 3. Heute zum Beispiel: Kind groß (6) war gestern zu spät im Bett, heute morgen zu früh wieder wach, heute mittag gab’s dann ne Riesenszene, gekrönt von Türenschlagen und dem Satz „Immer seid ihr sooo unfair zu mir“. Da kamen die Stimmen: der innere Kritiker mit eiskalter Miene: Du kannst ihm nicht vermitteln, dass du ihn liebst.
    Und die Katastrophenstimme quäkte laut dazwischen: Oh Gott, wenn das jetzt die ganze nächste Woche so wird, morgen sind wir eingeladen, wenn er sich da so benimmt, die kennen uns ja noch nicht so…
    Solche Situationen hab ich ganz oft.
    Bin gespannt auf die Wege 🙂

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    1. Dina Autor

      Liebe Anne,
      schön, dass Du meinen Blog gefunden hast. Ich glaube, diese Stimmen kennen alle Eltern sehr gut. Kurz nachdem ich den Beitrag geschrieben habe, bin ich über diesen Beitrag in der Huffington Post gestolpert, der diese sehr viel lustiger beschreibt als ich.
      Ein erster Schritt ist es, sie als Stimmen zu erkennen, und nicht als „Wahrheit“ anzusehen. Ich hoffe, meine weiteren Gedanken zu dem Thema sind hilfreich für Dich – mit nur einem (Klein)Kind bin ich im Bereich ElternSein ja noch ziemlich grün hinter den Ohren. 🙂

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      Antwort
  2. Fräulein im Glück

    Wow, ein wirklich guter Beitrag. Die innere Kritikerin füllt bei mir den halben Kopf aus, die Katastrophengedanken können auch schonmal viel Raum einnehmen. Übrigens für’s Glücksbaby wollte ich auch schonmal „blaue Ader zwischen den Augenbrauen stark sichtbar“ googeln, hab’s nur deswegen nicht gemacht, weil man beim zweiten Kind halt weniger Zeit hat (und mehr bloggen muss ;-))
    Habe mich hier sehr oft gefunden und bin froh drüber.

    Bin auf die Fortsetzung gespannt.

    Liebe Grüße,

    vom Fräulein

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  3. Pingback: Achtsamkeit – Monatsthema Juni | Fundstücke aus dem Internet

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